Fundamente - eine unsichtbare Bühne
1/2004


Wenn sich der Vorhang hebt, erwacht die Bühne Abend für Abend durch die professionelle schöpferische Kraft der Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure und Drehbuchautoren zum Leben.
Hinter den Kulissen befindet sich eine weitere, dem Zuschauer verborgene Welt. Das Theater beherbergt jedoch auch noch eine dritte Welt, die man weder hört noch sieht. Ihre Aufgabe ist es, in den Fundamenten tief unter den Bühnen- und Zuschauerräumen für einen sicheren Stand zu sorgen.
Die alten Theaterhäuser sind die Fixpunkte der Standzentren und werden als wertvolle Gebäude geschützt. Sowohl im holländischen Amsterdam als auch im finnischen Turku werden die alten Holzpfähle durch speziell für diese Zwecke geeignete Ruukki-Stahlpfähle ersetzt.




Das Theater Carré in Amsterdam, Hollands bedeutendstes Theater, das in den über 100 Jahren seines Bestehens 27 Millionen Besucher zählen konnte, wird zurzeit generalüberholt. Victor de Waal, Geschäftsführer der auf Gründungsarbeiten spezialisierten niederländischen Firmen Walinco und Funderingstechniek, berichtet von den Herausforderungen und Lösungen bei der Sanierung des ehrwürdigen Gebäudes.
Das Carré-Theater ist eines der beliebtesten Bühnenhäuser Amsterdams und gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Als bei näherer Prüfung des Bauzustands in den hölzernen Gründungspfählen Bakterienbefall festgestellt wurde, beschloss man, sofort eine Sanierung zu beginnen.

Zuerst hatte de Waal, dessen Spezialgebiet die Fundamenttechnik ist, das Carré-Projekt nicht übernehmen wollen.
"Ich dachte, wir seien dazu nicht in der Lage. Es handelte sich um ein umfangreiches und schwieriges Vorhaben mit einem außer-ordentlich knappen Zeitplan."
"Man entschied sich dafür, die Fundamente im Rahmen der Sanierung gleich ganz zu erneuern. Sonst müsste man nämlich das Theater in 20 Jahren unter erheblichen Einnahmeausfällen wieder schließen. Es empfahl sich also, die Schließung auf ein Minimum zu beschränken und die in absehbarer Zeit ohnehin fällige Investition nicht aufzuschieben."

Das auf Holzpfählen erbaute Amsterdam ist von zweierlei Gefahren bedroht: Die eine ist das Absinken des Wasserspiegels, denn wenn die Pfähle einmal trocken werden, können sie im Laufe von nur wenigen Wochen vermodern.
Die zweite Gefahr geht von Fäulnisbakterien aus. Über die Haltbarkeit von bakterienbefallenen Kiefernpfählen gehen die Meinungen auseinander.
"Ich halte in diesem Fall jede Panik für unangebracht, denn diese Bakterien wirken ziemlich langsam."

Das Carré-Projekt ließ de Waal keine Ruhe. Die mit der Fundamentgründung alter Gebäude verbundenen Herausforderungen hatten ihn schon immer gereizt, und dass es sich um ein wertvolles Baudenkmal handelte, machte die Sache umso interessanter. Außerdem wohnt er gleich gegenüber am anderen Amstelufer und wollte die Konkurrenzfirma nicht ständig vor der Nase haben.
Walinco und Funderingstechniek hatten die Aufgabe, etwa 200 Stahlpfähle erschütterungsfrei in den Boden einzubringen. Die Arbeiten mussten innerhalb von vier Wochen unter sehr beengten räumlichen Bedingungen ausgeführt werden.
"Obwohl wir ja auf die Arbeit unter solchen Bedingungen spezialisiert sind, mussten wir noch kleinere Maschinen als sonst einsetzen, was natürlich auch die Leistung verringert und die Arbeit verlangsamt", erklärt de Waal. "Wegen des festen Untergrunds stand uns also eine anstrengende Plackerei bevor, die normalerweise zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen würde."

Zufällig hat der Boden vor dem Bürogebäude von Funderingstechniek die gleiche Beschaffenheit wie unter dem Theater. So konnte das Unternehmen auf eigenem Boden verschiedene Methoden und erproben miteinander vergleichen. De Waals Team tüftelte so lange an den Maschi-neneinstellungen und den Arbeitsverfahren herum, bis es die brauchbarste Methode heraus hatte.
Dann war Ruukki an der Reihe.
"Ruukki lieferte uns ein hochwertiges System, bei dem die Stahlrohrpfähle durch mechanische Verbindung verlängerbar waren", erklärt de Waal. Ruukkis RR-Ramm-pfähle und RD-Injektionspfähle sind speziell auf Gründungsarbeiten zugeschnitten.

Injektionspfähle sind längsnahtgeschweißte Stahlrohre, die durch mechanische Verbindungen verlängerbar sind. Damit geht die Verbindungsarbeit rasch vonstatten. Mit ihrem kleinen Durchmesser und ihrer praktischen Verbindungstechnik bieten diese Pfähle vor allem bei Fundamentierungsarbeiten auf kleinem Raum und bei Industriebauten große Vorteile. Das Arbeitsgerät findet auf einer begrenzten Fläche Platz, so dass das Einbringen der Pfähle die Nachbarschaft nicht nennenswert stört. Nach dem Einsetzen wird in den Pfahl Betonmasse injiziert, die durch die Löcher des Pfahls austritt und die Hohlräume im umgebenden Erdreich ausfüllt. Wenn die Masse getrocknet ist, verteilt sie das vom Pfahl zu tragende Gewicht auf das umgebende Erdreich und schützt ihn zugleich vor Korrosion.

Stellenweise war es so eng, dass jedes Pfahlsegment einzeln herangeschafft werden musste. Die Länge der von Ruukki gelieferten Pfahlelemente variierte zwischen 2,4 und 4 Metern bei einer Pfahllänge von rund 20 Metern. Insgesamt waren es 2,5 Kilometer Pfähle.
Ruukki war für Funderingstechniek ein guter Kooperationspartner. Zuverlässigkeit ist für de Waal eine enorm wichtige Sache. Wenn der Zeitplan knapp kalkuliert ist, kann ein unzuverlässiger Lieferant ernste Verzögerungen verursachen.
"Wir arbeiten schon seit sechs Jahren mit Ruukki zusammen. Die Lieferungen sind immer pünktlich, und das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ausgezeichnet. Viele andere Unternehmen liefern nur die Stahlrohre und überlassen alles andere dem Kunden. Ruukki ist der einzige Hersteller von Stahlrohrpfählen, der sich eigens auf Gründungstechnik spezialisiert hat."
Vom Zirkus zum Mehrzwecktheater

Das Königliche Theater Carré war in einer Reihe verschiedener Gebäude untergebracht, bis es schließlich 1879 am Amstelufer einen festen Standort fand. Das Gebäude für diesen Tempel der holländischen Populärkultur wurde 1887 von Oscar Carré, dem Spross einer Familie von Zirkusartisten, erbaut.

Das Theater war ursprünglich aus Holz konstruiert, besaß aber eine Fassade aus Stein. Der Hauptraum war 34 m lang, 37 m breit und 26 m hoch. Die Sitze waren hufeisenförmig um die runde Bühne angeordnet. Im Zuschauerraum hatten 2 000 Personen Platz. Das Haus umfasste außerdem zwölf Umkleideräume, drei Foyers, ein Restaurant, zwei Ställe und die Wohnung von Theaterdirektor Carré.

Bis zu seiner ersten umfassenderen Renovierung im Jahre 1992 befand sich das Haus größtenteils in seinem ursprünglichen Zustand. Durch den Umbau wurde der ehemalige große Zirkus mit angeschlossenem kleinen Theater zu einem großen Theater mit angeschlossenem Zirkus.
Im Laufe seiner 116-jährigen Geschichte ist das Carré zu einem Theater herangewachsen, das ganzjährig ein Programm mit internationaler Starbesetzung anbietet, von Komödien und Eisrevuen bis hin zu Opern- und Ballettaufführungen. Schwerpunkt des Programms sind Musicals und Stand-up-Komik.
Die Wiedereröffnung des sanierten Carré-Theaters findet am 15. November 2004 statt.





Renovierungs-spezialist für wertvolle Objekte

Victor de Waal ist Geschäftsführer der niederländischen Unternehmen Walinco und Funderingstechniek. Die beiden Firmen vereinigten ihre Ressourcen, um die Gründungsarbeiten am Theater Carré termingerecht abschließen zu können.
Funderingstechniek ist auf die Einbringung von Injektionspfählen spezialisiert, Walinco auf Stahlrohrgründungen und Fundamentrenovierungen. Die beiden Unternehmen beschäftigen insgesamt 35 Mitarbeiter.
Etwa die Hälfte der Aufträge betrifft wertvolle Objekte wie zum Beispiel das älteste Haus Amsterdams oder den Amtssitz des niederländischen Ministerpräsidenten in Den Haag.
Die Zusammenarbeit von Funderingstechniek und Ruukki geht Ende des Jahres weiter, wenn die Fundamentsanierung der Amsterdamer Universitätsbibliothek in Angriff genommen wird.

+Stahlpfähle stützen abgesunkene Fundamente in Turku
+Pünktlichkeit und Flexibilität zählen
Text: Eva Rijser Fotos: Jos de Vos